Youthpaper - die christliche Jugendzeitschrift

Ausgabe 44 (Dezember 1999)

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

Zu Psalm 19,13

von Martin/YPR

13Wer bemerkt alle seine eigenen Fehler? / Sprich mich frei von der Schuld, die mir nicht bewußt ist!
(Psalm 19,13)
 

Es war in den ersten Jahren der Nachkriegszeit, als eine katholische Schriftstellerin und Journalistin den Menschen einen Spiegel vorhielt, der sie erschrecken ließ. ‘Gesetzt den Fall’ , so schrieb sie, ‘gesetzt den Fall, es gäbe einen Knopf, der jedermann zur Verfügung stünde. Man bräuchte ihn nur zu drücken und wünschte sich seinen ärgsten Feind weg, jemanden, den man zutiefst verachtet, jemanden, der einen tödlich beleidigt oder gedemütigt hat, - und man bräuchte nur den Knopf zu drücken und er wäre weg, keine Suchmeldung, kein Schuldgefühl, keine Anzeige, keine Verfolgung, einfach weg, als ob er nie auf Erden gewesen wäre - gesetzt den Fall, es gäbe so einen Knopf, wer von uns hätte ihn noch nicht gedrückt??!’

Es ist nicht einfach, einer solchen Zumutung zu widerstehen.

Ohne Frage stellt das 20. Jahrhundert in der Geschichte der Menschheit den bisher größten Fortschritt in Wissenschaft und Forschung dar , in Demokratie und Menschenrechten, es ist das Jahrhundert mit dem bislang höchsten Zuwachs an Zivilisation, Kultur und Menschenwürde unter den Völkern. Zugleich aber wird dieses Jahrhundert in die Geschichte eingehen als eine Zeit, in der innerhalb von 80 Jahren mehr Menschen barbarisch umgebracht wurden als in 8000 Jahren menschlicher Geschichte zuvor.

Nie ist uns deutlicher geworden als gerade jetzt, zum Ende dieses Jahrhunderts, daß Zivilisation und Grausamkeit sich keineswegs ausschließen, im Gegenteil, daß moderne Arbeitsteilung es unmöglich macht, daß sich ein Mensch noch verantwortlich fühlt für das Werk seiner Hände, und wofür man sich nicht verantwortlich fühlt, daran kann man sich auch nicht die Hände schmutzig machen; und wer die moralische Blindheit der Vorväter beklagt, sehr zu Recht, der muß ehrlich genug sein, die moralische Blindheit der Gegenwart zu erkennen.

Und was für die Gesellschaft als ganzes gilt, hat um so mehr Geltung im persönlichen Bereich.

Vielleicht hat ja der libanesische Dichter Khalil Gibran ganz recht, wenn er sagt:

„Die Wirklichkeit eines anderen Menschen liegt nicht darin, was er dir offenbart, sondern in dem, was er dir nicht offenbaren kann. Wenn du ihn daher verstehen willst, höre nicht auf das, was er sagt, sondern vielmehr auf das, was er verschweigt.“

Mit anderen Worten: es gibt Grund, den Psalm zu beten:

Sprich mich frei von der Schuld, die mir nicht bewußt ist...

 
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Rubrik Glauben