Youthpaper - die christliche Jugendzeitschrift

Ausgabe 44 (Dezember 1999)

Motzen macht Spaß!

von Rabea Köhler

“Guten Abend meine Damen und Herren” ertönt es durch den S - Bahn Waggon.

“Schon wieder so ein Penner, der mich anbettelt”. So geht es vielen in etwa durch den Kopf, während ein sehr schlicht gekleideter Mensch erklärt, er sei Obdachloser und würde die neue Ausgabe des Straßenmagazins “motz” verkaufen.

Schlagartig verkriechen sich die meisten Köpfe hinter Büchern, in dicken Handtaschen und großen Tageszeitungen, bildet sich eine Mauer der Ignoranz. “Danke für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Unterstützung. Einen schönen Abend noch.” Der “motz”- Verkäufer steigt aus und versucht sein Glück im nächsten Wagen.

Die “motz” was ist das eigentlich genau ? Was sind ihre Themen und was bewirkt sie ?

Die “motz” ist nicht nur ein Straßenmagazin, sondern das Organ des vor vier Jahren gegründeten Selbsthilfevereins motz & Co. e.V., der ihr Herausgeber ist. Durch den Kauf unterstützt man den wohnungslosen Zeitungsverkäufer direkt mit 1,50 DM und die übrigen 50 Pfennig ermöglichen die Finanzierung zahlreicher gemeinnütziger Projekte, wie zum Beispiel “den Betrieb der bundesweit einzigen von staatlichen Mitteln unabhängigen Notübernachtung für Obdachlose”.

Die Verkäufer sind eben nicht einfach nur Penner, sondern Menschen, die aus verschiedenen Gründen an den Rand der Gesellschaft geraten sind. Hauptursachen für Wohnungsverluste sind Arbeitslosigkeit, Überschuldung, Partnerschaftsauflösungen und Alkoholprobleme.

Aus dem Bedürfnis heraus, den Teufelskreis ihrer Probleme zu durchbrechen und selbst tätig zu werden, verkaufen sie die Zeitung, anstatt ausschließlich auf finanzielle Unterstützung von außen zu hoffen.

Die “motz” widmet sich in ihren Artikeln sozialen Themen, hauptsächlich der Obdachlosigkeit . Der Leser bekommt Einblick in Sachverhalte und Zusammenhänge , die in der “normalen” Presse oftmals nicht vorkommen. Mit der Wohnungslosigkeit einhergehende Probleme werden nicht nur für Berlin, sondern für die gesamte Bundesrepublik behandelt bzw. mit Experten diskutiert. Darüber hinaus gibt es eine U - Bahn – Serie, eine Kolumne, Berichte aus den Berliner Bezirken und auch kleine kulturelle Beiträge.

Außerdem unterstützt und fördert der “motz & Co. e.V.” eine Trödelhalle für Einkommensschwache in der Zossener Straße und bietet einen Umzugs- und Entrümpelungsservice an. Es gibt auch die Möglichkeit, mit einer Bettpatenschaft (5,- DM im Monat), die von der motz selbstorganisierten Notübernachtung für obdachlose Menschen zu unterstützen.

Seit Mitte August stehen motz & Consorten nun vor ganz neuen Problemen, denn nach über vierjähriger Duldung verhängte die BVG nun überraschend das sofortige Verkaufsverbot in U- und S – Bahn und verweigerte jede Gesprächsbereitschaft. Darüber hinaus warf sie dem “motz e. V.” vor, mit dem Verkauf nicht die Gemeinnützigkeit anzustreben, sondern ausschließlich “Gewinnerzielungsinteressen” zu verfolgen.

Diese Beschuldigungen, die auch in Briefen an den Regierenden Bürgermeister , den Wirtschaftssenator sowie den Stadtentwicklungssenator vorgebracht wurden kommen einem Rufmord gleich, der für das “motz” - Projekt das Aus zur Folge haben kann. Mittlerweile haben viele Leser (unter anderen Bundestagspräsident Thierse) die Haltung der BVG kritisiert und erklärt, daß sie sich durch den Verkauf nicht belästigt fühlen.

Die “motz” hat ihrerseits ein Schreiben an die BVG vorbereitet, in dem angekreuzt werden kann, ob man sich durch den Verkauf belästigt fühlt (!) oder nicht. Vielleicht seit auch Ihr bereit, Eure Meinung anzukreuzen und das ganze an die BVG zu schicken. Die Adresse lautet:

   An den Vorstandsvorsitzenden der

Berliner Verkehrsbetriebe

Herrn Rüdiger vorm Walde

Potsdamer Straße 188

10713 Berlin

Druckvorlage für das Schreiben (13,5 KB GIF)  
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