Youthpaper - die christliche Jugendzeitschrift

Ausgabe 45 ( Februar 2000)

Mit anderen Worten

- Restrisiko Nächstenliebe

von Axel Fischer

"Wadde hadde dudde da?"

Teletubbies.

Schwarze Aktenkoffer.

"Wo soll das hinführen?" schallt es durch das Haus des moralisch integeren Mannes, doch noch ehe der Aufschrei verhallt ist, triumphiert Raab beim Grand Prix, die Tubbies in den Kinderzimmern und die Kofferträger bei den nächsten Bundestagswahlen. Eine merkwürdige Zeit, in der Wirklichkeit und Anspruch so ausgesprochen weit auseinander liegen.

Wundern sollte uns also nicht mehr allzu viel. Daß nun aber selbst die Berliner Polizei..., doch halt, immer der Reihe nach:

Obwohl uns einige honorige Herren ja gerade eindrucksvoll vor Augen führen, daß moralisches Vollversagen selbst unter den ehrenvollsten Persönlichkeiten unserer Republik kein schlimm` Ding ist, muß der gemeine Bürger nicht unbedingt damit rechnen, daß auf jedem pupsigen Plakat der Berliner Polizei versteckte Botschaften lauern wie: Steckt euch das Gebot der Nächstenliebe sonstwohin.

Man möchte dem Herrn Polizeipräsidenten fairerweise mal zugute halten, daß er nicht vorhatte, unsere Moral zu untergraben, als ihm bzw. seinen Untergebenen die fixe Idee kam, uns auf kleinen Plakaten vor Trickdieben und Betrügern zu warnen. Doch wie so oft wurde gut mit gutgemeint verwechselt.

Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin nicht über Nacht zum kleinen Freund des Trickdiebs geworden, aber was auf diesem Plakat steht, das unterdessen in jedem zweiten gut sortierten Mietshaus seinen Platz gefunden hat, treibt einem die Schamesröte ins Gesicht. Manchmal wäre ich doch lieber in einem abgelegenen Bergdorf Perus groß geworden als an einem Ort, an dem man fremd gern mit bedrohlich verwechselt.

Da bittet uns der Berliner Polizeipräsident also persönlich und unmißverständlich um folgendes:

Wenn eine Frau an unserer Tür klingelt und um ein Glas Wasser bittet, dann bitte nicht öffnen.

Wenn ein Mann an unserer Tür klingelt und um Stift und Zettel bittet, dann bitte nicht öffnen.

Wenn ein Mensch an unserer Tür klingelt und ein Telefonat führen möchte, dann bitte bitte bitte nicht öffnen!

Könnten alles Trickbetrüger sein.

Mach ich mich sehr unbeliebt, wenn ich mich erdreiste hier zu behaupten, daß schon fremde Leute vor meiner Tür standen, die mich nicht bestohlen, beraubt, betrogen oder körperlich genötigt hätten? Sicher, es gibt genug, die mich mit Altpapier fluten (Werbung nennen sie das) oder mir mit Weltuntergang drohen (vor allen Dingen, wenn man nicht öffnet), aber die wollten alle kein Geld von mir, sondern meine Seele.

Orientiere ich mich aber am neongelben Papierchen vom Herren Präsidenten der Berliner Polizei, dann ist jeder Fremde an der Tür ein potentieller Trickbetrüger, der es auf unser Geld und unser Wohl abgesehen hat. Schauder, schauder, Aktenzeichen XY direkt vor der Tür...

Man stelle sich nur mal vor, ein jeder würde sich an die gutgemeinten Tips der Berliner Polizei halten:

Gute Nacht beim nächsten Autounfall.

Viel Spaß mit dem nächsten Halbtoten.

Fröhliche Momente bei der kommenden Verfolgungsjagd.

Tun sie alles, doch klingeln sie nicht. Denn wer klingelt hat verloren, steht auf der Schattenseite des Lebens und gehört ganz automatisch zur Gruppe des kleinen Gangsters.

Vorgestern wollte ich mich bei meiner Wohnungsgenossenschaft über das Papierchen vom Herren Polizeipräsidenten beschweren. Ich schwang mich also auf mein Rad, fuhr die paar Meter zur Zentrale, klingelte und....fuhr wieder heim. Geöffnet hat natürlich keiner, aber hinter dem Fenster konnte ich die entsetzten Gesichter schemenhaft erkennen: "Wieder einer dieser Trickbetrüger..."

 
Mehr aus Nr. 45