Youthpaper - die christliche Jugendzeitschrift

Ausgabe 52 (März 2002)

Kurzreport

Alter Brauch in neuem Licht

von Martin/YPR

Wenn die Fastnacht herbeieilt, bringt sie nicht nur die Aktiven in Schwung, sondern sie beschäftigt auch die Forscher: Heidnisch - germanisch sei das Narrentreiben, sagen Manche, währenddessen die Anderen behaupten, es handle sich um einen christlichen Brauch. Der volkskundlichen Forschung ist es gelungen, dem einstigen Sinn der Fastnacht jetzt dadurch näher zu kommen, dass sie einfach nach dem Hauptrepräsentanten der tollen Tage fragt: dem Narren.

Der Narr war keineswegs eine lustige Figur, geschweige denn eine Fastnachtsgestalt. Vielmehr stammen die ältesten Bilder von Narren, die überhaupt bekannt sind, allesamt aus einem religiösen Zusammenhang - genauer gesagt aus Psalmenhandschriften. Und zwar stehen sie dort jeweils am Anfang des 53. Psalms, der mit den Worten beginnt: "Der Narr sprach in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott." Um diesen Text zu illustrieren, verzierten die klösterlichen Buchmaler den Text seit dem 12. Jahrhundert regelmäßig mit einem Narren, der dem weisen König David gegenübertritt.
Holzschnitt   Aus einer zunächst wenig spezifischen Figur entstand nach und nach der Typus des uns allen bekannten Standardnarren mit Eselsohrenkappe, Schellen und Narrenszepter. Jedes einzelne seiner Kennzeichen hatte eine fest umrissene Bedeutung und wies dem Narren eine ganz bestimmte negative Eigenschaft zu. Die Eselsohren symbolisierten die Dummheit, das Zepter mit dem Portrait des Trägers auf der Spitze - später war es ein Spiegel - veranschaulichte die Selbstgefälligkeit. Und die Schellen waren ein Sinnbild dafür, daß dem Narren die Tugend der christlichen Nächstenliebe fehlte. Als Begründung hierfür wurde stets das Paulus - Wort aus 1 Korinther 13,1 angeführt: "Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete, hätte aber die Liebe (=caritas) nicht, wäre ich ein klingendes Erz und eine tönende Schelle."

Der Narr wurde zum Inbegriff der Gottesferne, der Sündhaftigkeit, und auch zum Sinnbild des Todes und irdischer Vergänglichkeit.
Holzschnitt   Offenbar steckt hinter dem Hochfest der Narretei doch wesentlich mehr als nur lärmender Unsinn und Ausgelassenheit. Wer um die Nachbarschaft der Figuren Narr und Tod weiß, beginnt beispielsweise zu ahnen, dass es einen tiefen Sinnzusammenhang zwischen Fastnacht und Aschermittwoch gibt. In der Katholischen Kirche wird an keinem anderen Tage des Jahres die Mahnung, an den Tod zu denken, so eindringlich ausgesprochen, wie eben am Aschermittwoch, dem der Auftritt der Narren an Fastnacht vorausgeht.

Man fängt an, zu spüren, warum Fastnacht und Fastenzeit als zwei einander bekämpfende Welten zusammengehören; und man begreift auch, warum der närrische Mummenschanz ab etwa 1540 in den Streit der Konfessionen geriet, der schließlich dazu führte, dass sich in den katholischen Gegenden die Fastnacht bis heute erhalten hat und in evangelischen nicht.

 
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