Youthpaper - die christliche Jugendzeitschrift

Ausgabe 48 (Oktober 2000)

Die Expo über dem Tellerrand

von Carsten/YPR

Wenn es für mich neben der Arbeit im PoH eine Motivation gab, zur Expo zu fahren, dann war es das große Interesse an technischen Weltneuheiten und Innovationen. Ich war sehr gespannt, was die großen Konzerne an multimedialen Raffinessen aufbieten würden. Schließlich las man viel über „planet of visions“, planet m“, die Themenparks, „Scape“, die größte mobile Leinwand der Welt und sonstige Wunder.

Aber es sollte ganz anders kommen. Eigentlich hat mich keine der großartig angekündigten Präsentationen überzeugen können. Sie wirkten alle aufgesetzt und leer im Verhältnis zum eigentlichen Highlight der Expo: Den Menschen dieser Welt.
Foto   Ich bin sehr dankbar dafür, daß ich die Möglichkeit hatte, vier Wochen ohne Hektik die Weltausstellung auf mich wirken lassen zu können, weil ich dadurch Dinge gesehen habe, die gestressten Wochenendbesuchern verborgen bleiben. Zum Beispiel das tolle Miteinander des PoH mit seinen arabischen Nachbarn der Vereinigten Emirate. Oder die wundervoll freundliche Atmosphäre auf dem Marktplatz in der Afrika-Halle. Oder die hilfsbereiten Jemen, die für Expo-Mitarbeiter anstelle der langen Warteschlange immer einen „Seiteneingang“ zu ihrem Pavillon parat hatten. Oder den buddhistischen Mönch, der nach seinem Besuch im christlichen PoH in seinen „Tempel“ mit einem „Welcome to the future“-Button auf der Kutte zurückkehrte. Oder gar die PoH-Besucher, die uns dankbar dafür waren, dass sie zwischen all der Technik auch endlich ein paar Menschen zum Reden vorgefunden hatten.

Christen und Moslems, arm und reich, West und Ost, kommunistisch und kapitalistisch, alle waren vertreten - und alle vertrugen sich, schauten auf und staunten über die anderen. Die ganze Welt auf ein paar Quadratkilometern. Das war für mich das größte an der Expo. Nicht die (fast ausschießlich deutsche) High-Technology, sondern der Mensch in seiner globalen Vielfältigkeit stand und steht im Mittelpunkt der bisher größten Weltausstellung aller Zeiten. Am Beginn des sogenannten Informationszeitalters eine hoffnungsvolle Vision für die Zukunft: Erst der Mensch, dann die Maschine.

Ich habe viele Kulturen neu kennengelernt, Lebensgewohnheiten entdeckt und weltweite Kontakte geknüpft. Aber ich muß auch gestehen, daß der Durchschnittsbesucher von alledem leider kaum etwas mitbekommt. An dieser Stelle ist für mich die Expo eine echte Fehlkonstruktion, weil sie (technische) Erwartungen weckt, aber nicht erfüllt, und den kulturellen Aspekt in kurzer Zeit nicht vermitteln kann. Wer also nur einen oder zwei Tage auf die Expo fahren will, sei gewarnt und später bitte nicht enttäuscht. Wer sich aber mehr Zeit nehmen kann, wird Erfahrungen machen, die er noch seinen Urgroßenkeln erzählen kann.

 
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Rubrik Glauben