Youthpaper - die christliche Jugendzeitschrift

Ausgabe 47 (Juli 2000)

Interview mit Gernot Spies

von Felix Bergemann

Die CVJM-Gründung ist nun vorbei. Wie fühlt man sich? Zufrieden und erleichtert?

Auf jeden Fall zufrieden, weil im Vorfeld ja doch einige Probleme vorhanden waren, die jetzt geklärt sind. Ich bin sehr froh, daß der Verein gegründet wurde mit so vielen Leuten. Das war ein toller Start!

Fühlt man als Mitinitiator nicht ein bißchen Wehmut nun weggehen zu müssen, wo doch die Arbeit des Vereins erst richtig beginnt?

Ich denke, die Arbeit dürft ihr jetzt ruhig alleine machen, aber es stimmt natürlich. Ich habe einiges mit gestartet und würde auch gerne noch ein bißchen was davon jetzt umsetzen. Was mich besonders reizen würde, ist jetzt im Zusammenhang mit dem Ostwerk die Arbeit fortzuführen, weil ich vieles von dem was da läuft, richtig gut finde. Was ich auch für eine wichtige Aufgabe halte, ist die Zusammenarbeit mit der CVJM-Baracke. hier im Märkischen Viertel. Das wird sicher noch ein Stück Arbeit für euch sein, aber es würde mich auch sehr reizen mit den Leuten den Kontakt zu suchen und hier für den Kiez etwas Gemeinsames zu gestalten. Insofern gehe ich schon mit einer Träne im Knopfloch.

Als Du damals hier in die Gemeinde kamst, was waren deine ersten Eindrücke?

Das ist schon lange her. Große Jugendarbeit. Ziemlich viel los und nicht ganz so überschaubar. Das waren glaube ich so die ersten Eindrücke. Und ein reizvolles Arbeitsgebiet. Als ich damals kam, habe ich angefragt, ob ich mein Vikariat hier machen könnte und hatte den Eindruck, das ist eine Gemeinde, die so vielfältig ist, daß ich in vielen verschiedenen Bereichen etwas lernen kann.

Inwiefern hat sich dein Bild seit damals verändert?

Ich denke, daß das, was ich in puncto Vielfalt gesagt habe, bleibt und ich habe auch ein ganze Menge gelernt. Vieles, was ich heute selbstverständlich mache, habe ich hier in der Gemeinde gelernt oder erprobt. Eine, im gesamtkirchlichen Vergleich zumindest, große Jugendarbeit haben wir nach wie vor. Es ist nicht alles geistlich so lebendig, wie es nach außen erscheint. Das, denke ich, lernt man dann immer, wenn man hinter die Kulissen schaut. Da gibt es dann auch Enttäuschungen oder Leute, die weggehen, und Sachen, die nicht so gut laufen. Insofern hat sich manches geändert in meinem Bild.
Aber insgesamt ist Apostel-Johannes immer noch eine Gemeinde in der ich gerne weiterarbeiten würde und die ich jedem auch empfehlen kann, um mehr einzusteigen.

Die Gemeinde ist damals durch die Fusion mit der Senfkorn-Gemeinde erheblich gewachsen. Wie würdest du die Bewältigung der Zusammenführung rückblickend beurteilen?

Das war ein Riesenpaket an Arbeit! An Vermittlungsarbeit einmal, das hat besonders Karlo Kaufmann in der Senfkorn-Gemeinde und mit den Mitarbeitern dort versucht, und dann auch an praktischer Arbeit - ich erinnere an den Umzug von dem Senfkorn-Gebäude hierher. Da haben wir einen ganzen Sommer lang dran gearbeitet, um das alles einigermaßen hinzukriegen.
Die Fusion war unter finanzpolitischen Gesichtspunkten die richtige Entscheidung. Menschlich ist es natürlich traurig, wenn eine Gemeinde aufhört zu existieren. In der Senfkorngemeinde war leider nicht mehr sehr viel Gemeindeleben vorhanden, was ich sehr traurig finde, und insofern war die Zusammenführung von zwei Gemeinden im Grunde genommen ein sehr ungleiches Geschäft und relativ einfach zu bewerkstelligen. Aber ich habe das eigentlich nicht frohen Herzens gemacht, sondern unter dem Zwang der Verhältnisse.

Generalsekretär der SMD (Studentenmission in Deutschland). Wie beruft Gott jemanden in eine solche Aufgabe?

Ich könnte dir jetzt natürlich tolle Stories erzählen, die aber alle nicht stimmen. In meinem Leben waren Berufungen bisher nie durch Träume, Engel, Visionen oder so was erfolgt, sondern ziemlich menschlich, natürlich gelaufen. Hier kommen natürlich verschiedene Sachen zusammen: Einmal war ich schon mal bei der SMD bzw. wir beide, Magdalene und ich. Dadurch kennen wir die Arbeit und sie kannten uns auch noch. Das ist mit ein Grund, weshalb überhaupt eine SMD auf die Idee kommt, noch mal jemanden anzufragen.

Wie beruft Gott? Ich denke, daß er Menschen bewegt - auf beiden Seiten - und daß dann in Gesprächen und Annäherungsprozessen Klärung erfolgt. In unserem Fall war das so, daß wir mehrere Vorgespräche geführt haben in verschiedenen Runden, zunächst mit dem Vorsitzenden der SMD, dann mit einem Nominierungsasschuß vom Rat der SMD. Da war für beide Seiten offen, ob dieser Weg überhaupt vorstellbar wäre. Alle Gespräche verliefen so, daß wir am Ende gesagt haben, wir könnten uns das vorstellen bzw. auch die SMD gesagt hat, sie könnten sich das vorstellen. Das haben wir dann einen Sommer lang geprüft, Magdalene und ich, in der Einsamkeit Norwegens. Haben alles noch mal rauf und runter überlegt und auch durchbetet. Wir hatten nach unserem Urlaub den Eindruck, wir sollten uns einem Berufungsgespräch stellen. Es spricht von unserer Seite nichts dagegen zur SMD zu gehen und eine ganze Menge dafür. Die entscheidende Sitzung war dann der Rat der SMD, der letztlich Berufungen ausspricht. Mit dem gab es dann ein ausführliches Gespräch, von dem wir es dann auch abhängig gemacht, ob wir das als Ruf Gottes annehmen können oder auch nicht. Der Rat der SMD hat mich einstimmig gewählt und das war dann für uns eine tolle Bestätigung, daß dies wohl der richtige Schritt ist, den wir tun sollen. Jetzt hoffe ich, werden Bestätigungen auf dem Weg kommen. So war es jedenfalls in meinem Leben immer, daß jede Entscheidung auch ein Wagnis war und ein Wagnis immer auch noch mal in eine Bewährung muß.

Was bringt diese Berufung mit sich, abgesehen vom Weggang aus Berlin?

Im Augenblick beschäftigt mich natürlich nur das, was du gerade angedeutet hast - viel Stress und unendlich viel Arbeit. Es bringt für uns als Familie eine sehr große Veränderung mit sich, weil ich einen völlig anderen Arbeitsrhythmus haben werde. Der Generalsekretär ist Leiter des Gesamtarbeit der SMD, die überregional arbeitet. Es gibt eine Zentralstelle in Marburg, Hessen. Dort hat der SMD-Generalselretär offiziell seinen Sitz. Dann gibt es Arbeitszweige und Kreise in den Regionen und Bundesländern. Der Generalsekretär muß versuchen, zu all diesen Kreisen auch Kontakte aufzunehmen und zu halten. Er ist auch ein bißchen die Klammer an verschiedenen Stellen. Es wird von mir abhängen, wie ich meine Zeit einteile.
Ich denke, daß ich oft unterwegs sein werde - auf Tagungen, in Gremien, Besuche machen - und dass ich dann parallel dazu auch in der Zentralstelle präsent sein muß. Das genau auszutarieren, wo ich meine Schwerpunkte setze, wird meine Aufgabe im ersten Jahr sein. Ich werde auf jeden Fall nicht zum Schreibtischtäter verkommen, das habe ich der SMD schon gesagt und unter dieser Voraussetzung haben sie mich auch berufen. Ich möchte versuchen, möglichst viel vor Ort zu sein, Predigtdienste oder Bibelarbeiten zu übernehmen und praktisch zu arbeiten - und nicht nur theoretisch im Hintergrund.

Du wirst also viel reisen müssen. Was sagt deine Familie dazu?

Magdalene bejaht das unter der Voraussetzung, daß es dann auch Zeiten gibt, wo ich wirklich zu Hause bin. Das ist die Chance, die dieses neue Arbeitsfeld für uns als Familie birgt. Bisher bin ich immer zu Hause, aber nie da und es könnte, wenn wir das gut organisieren, in der SMD bedeuten, daß ich weniger zu Hause bin, dann aber wirklich da bin. Das müssen wir sehr bewußt gestalten. Da sehen wir auch gute Chancen für uns als Familie, weil wir dann in Marburg auch nicht im Zusammenhang einer Gemeinde wohnen und arbeiten werden, sondern als Privatpersonen leben, wie andere auch. Wenn ich dann zu Hause bin, hoffe ich, daß ich mich dann mehr meiner Familie widmen und die Dinge, die in der SMD anliegen, auch mal zurückstellen kann.

Was zieht dich zur Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, sei es in der Gemeinde oder bei der SMD?

Ich denke, das ist die Generation, die die Gemeinde Jesu der nächsten dreißig bis fünfzig Jahre prägen wird. Ihr seid die nächste Generation, die das Evangelium weitertragen soll. Deswegen muß man, wenn man missionarisch und strategisch sinvoll arbeiten willl, da ansetzen. Das tut die SMD, das tut dieApostel-Johannes- Gemeinde und das finde ich sehr, sehr sinnvoll. Da ich immer noch den Eindruck habe, daß ich bei jungen Leuten ein Zugang finde, möchte ich solange es irgend geht, an solcher Stelle arbeiten.

Inwiefern hat deine eigene Jugend, die ja zum Teil in Namibia verlief, deine Arbeit beeinflußt?

Namibia vielleicht nur sofern, daß ich flexibel bin. Ich bin zwar sehr lange in dieser Gemeinde gewesen und habe auch immer gesagt, ich kann mir alles Mögliche vorstellen - ich kann auch wechseln. Allerdings habe ich jetzt gemerkt wie schwer, das dann wirklich ist, wenn man solange irgendwo gesessen und auch Wurzeln geschlagen hat. Aber diese grundsätzliche Bereitschaft zur Veränderungt hängt sicher, ein Stück zumindest, mit meiner Biographie zusammen. Prägend waren hier in Berlin die Jahre in Schöneberg am Gymnasium.
Wir haben damals einen Schülerkreis gegründet - ich war in der Jugendarbeit einer Gemeinde aktiv. In diesem Schülerkreis haben wir angefangen missionarisch zu arbeiten. Ich habe damals auch kurze Kontakte zur SMD schon gehabt und viele übergemeindliche Verbindungen hier in der Stadt und darüber hinaus. Das hat mein Leben bis heute geprägt.

Nachdem du den Vorsitz über die Evangelische Allianz Berlin abgegeben hast, geht für dich die Allianzarbeit weiter?

Die SMD ist ein freies Werk, das auf der Basis der Evangelischen Allianz arbeitet, und insofern ist es „angewandte“ Evangelische Allianz - anders kann ich es gar nicht verstehen. Ich habe eigentlich immer ein Herz für Geschwister im Glauben über die Grenzen meiner eigenen Kirche hinaus gehabt und ich werde das auch weiter behalten - muß dies auch als Generalsekretär der SMD ohnehin, da dort alle Kirchen und Gemeinschaften vertreten sind.
Ich denke auch, daß ich zur Evangelischen Allianz als Organisation weiterhin Kontakt halten und - wenn es geht - auch im Raum Marburg mitarbeiten werde.

Nach so vielen Jahren in der Großstadt Berlin ist da die Berufung in einer Kleinstadt wie Marburg eher eine Erleichterung oder ein Verlust?

Beides. Ich freue mich schon auf das beschaulichere Leben in einer Kleinstadt, aber ich glaube auch daß ich an verschiedenen Stellen Berlin vermissen werde. Ich habe oft an Berlin gelitten und mich über Berlin geärgert und deshalb verlasse ich eben in mancher Hinsicht die Stadt mit ihrem Dreck und ihrem Lärm ganz gerne. Aber jetzt, wo es ans Einpacken geht, merke ich eben doch, wie stark ich in dieser Stadt Wurzel geschlagen habe - auch in geistlicher Hinsicht, weil ich in den letzten Jahren sehr viel übergemeindlich gearbeitet habe und Kontakte knüpfen und Freunde gewinnen konnte. Das läßt man nicht so ohne weiteres los. Was mich an Marburg tröstet: a) dass es eine Universitätsstadt ist, d.h., da ist auch noch mal ein bißchen mehr Leben als in einer kleinen beschaulichen Stadt in der Lüneburger Heide, und b), dass ich als Generalsekretär ohnehin nicht allzu seßhaft bin, sondern sehr viel unterwegs sein werde, d.h., mir wird es gar nicht so sehr auffallen, daß ich in Marburg lebe, weil ich meine Pflöcke ohnehin etwas weiter spannen darf und muß.

Die Gemeinde sucht einen Nachfolger. Was sollte dieser Mensch deiner Meinung nach mit sich bringen?

Liebe zu Jesus Christus und Freude an missionarischer Arbeit.

Zuletzt: Worüber würdest du dich bei einer persönlichen Verabschiedung freuen?

Ich bin ja schon verabschiedet worden und muß sagen, daß ich ziemlich überwältigt war durch das, was da so alles passiert ist und was ihr euch alles so habt einfallen lassen. Dafür auch noch einmal an dieser Stelle vielen, vielen Dank! Diesen Tag werden wir so schnell nicht vergessen!
Bei Verabschiedungen kommt ja oft heraus, was in der Vergangenheit gewachsen ist. Wenn herauskommt, daß es mehr als oberflächliche Beziehungen waren, sondern Verbindungen, die bleiben, Prägungen, die weitergehen und eine Arbeit, die auch selbstständig weiterläuft wie jetzt z.B. in der Jugendarbeit, im CVJM, dann sind das Dinge, die mich richtig freuen.

 
Mehr aus Nr. 47
Rubrik Talk